22.12.2010

Revoluzzer Mainstreaming

 

«Menschenmaterial» – das Unwort des 20. Jahrhunderts, so entschied die Gesellschaft für Deutsche Sprache Anfang des Jahres. Der Schweizer Künstler A. C. Kupper arbeitet auch mit Menschenmaterial, allerdings weniger in menschenverachtender als durch aus philantropischer Weise. Dadaistisch verfährt er mit vorgefundenen Fotografien um, setzt sie malerisch um, bearbeitet und verfremdet sie neuen Bildgeschichten.

 

«Fotografie ist eben die Fortsetzung der Malerei mit anderen Mitteln, und der Rechner erweitert die bildnerischen Möglichkeiten.» schreibt der Künstler Oliver Ross in seinem Essay zum gerade erschienen Fotobuch Revolutionäre Mittelklasse von A. C. Kupper. Gerade diese von allen gesellschaftlichen Schichten wohl am wenigsten unter Revoluzzerverdacht stehende Klientel weidet Kupper genüsslich aus. Er morpht die Geschlechter, lässt Schemen durch die Wohlfühlarchitekturen des Mainstreams irrlichtern, spielt die Lady Dada des Photoshops. Die ästhetischen Blessuren Gesichter und Posen seiner Protagonisten verstehen sich als Abziehbilder eben der Schäden, die eine Gesellschaft genommen hat, aber perfekt in der Lage sie zu verstecken.

8.12.2010

Der Schweizer Thomas Kern erforscht gekonnt den amerikanischen Alltag. Der Ansatz von Thomas Kern ist essayistisch: Er erklärt nicht, sondern er erzählt. Mit Bildern.

von Sabine Altorfer

 

Bei einem Treffen erzählt der Fotograf Thomas Kern von seinen Jahren mit der Familie in San Francisco und vor allem von den Reisen quer durchs Land, die ihm wichtig waren, um zu wissen: «Wo bin ich? Denn ich habe festgestellt, dass ich Amerika anders sah als meine amerikanischen Freunde. Ich habe vieles nicht begriffen, und versuchte doch Teil zu werden, die Geschichten von innen zu erzählen.»
Es fallen Stichworte wie «Suche» oder «Klima erkunden». Das erstaunt nicht, wenn man weiss, dass Thomas Kern seine Recherche 2002 angefangen hat. Nicht nur weil er wollte, sondern auch, weil er plötzlich Zeit hatte. «In den USA war im Jahr 2000 die Dotcom-Blase geplatzt und nach 9/11 gabs fast keine Aufträge mehr», erinnert er sich. Die Zeit war also spannend, um einem verunsicherten Land das Fieber zu messen. «Ich wollte die Verunsicherung im Alltag finden», erklärt Kern.

Programmatisch erscheint das erste Bild: Ein Mann steht auf seinem Pick-up, um ein Auto-Speedway über den Zaun von aussen zu betrachten. Im Vordergrund ein leeres Feld, Action passiert unsichtbar. Auch Thomas Kern ist ein Beobachter. «Kein Bild ist inszeniert», betont er. «Wenn man unterwegs ist, macht man nur eines: Man schaut.»

 

Mit leichtem Gepäck

 

On the road war er mit leichtem Gepäck. Nicht mit der Grossbildkamera, sondern mit der Leica. «Ich habe analog und schwarz-weiss fotografiert, weil ich so das Material selber verarbeiten kann.» Und warum nicht digital? «Die Zeit zwischen der Aufnahme und dem Betrachten der Bilder war mir wichtig, das gibt Raum für Reflexion.» Der Ansatz von Thomas Kern ist essayistisch: Er erklärt nicht, sondern er erzählt. Mit Bildern. Und – das ist ihm wichtig – mit Bilderfolgen. «Das Buch, die Fotoreihen waren für einmal kein Auftrag, sondern eine Aufgabe, die ich mir selbst gegeben habe.»

Natürlich wisse er, dass er nicht der erste Fotograf mit einem Amerika-Buch sei, so Kern, «Aber ich mache es anders, aus meiner Sicht.» Und der Vergleich mit Robert Frank, dem Schweizer, der mit «The Americans» 1958 als Schweizer das Nachkriegsbild der USA auch für die Amerikaner selber gezeichnet hat und bis heute das Genre prägt? «Lange war Robert Frank mir zu poetisch. Aber im Laufe der Arbeit habe ich gemerkt, dass ich doch etwas Verwandtes mache», erklärt Kern und setzt bestimmt dazu: «Aber ich bin nicht so dunkel wie Frank.»

 

Ein Konzentrat von Bildern

 

Das Buch «A Drug Free Land» enthält ein Konzentrat aus verschiedenen Reisen. «Die Wahl der Orte und Routen war dabei nicht zufällig», betont Thomas Kern. «Mich hat beispielsweise der Süden interessiert, ich bin dem Lauf des Mississippi gefolgt, weil sich hier vieles aus der Geschichte manifestiert.» Die Reihenfolge im Buch ist aber weder geografisch noch chronologisch bestimmt, sondern visuell, eigentlich intuitiv gesetzt. Kern schafft damit bei der Betrachterin ein Auf und Ab der Gefühle, auf Ödnis folgt pralles Leben, nach verkommenen Plätzen der American Dream und Stolz. «Ein Leitfaden für mich war Alexis de Tocqueville über die amerikanische Demokratie von 1831, das Standardwerk, das erklärt, wie die Neue Welt funktioniert.» Und Kern fügt bestimmt an: «Man hat bei ihm das Gefühl, er rede von heute.»

Auf einen geschriebenen Reisebericht verzichtet Thomas Kern, selbst die Bildlegenden sind nur knappe Angaben über Ort, Datum und Sujet. «Ich wollte nicht kommentieren, schon gar nicht zynisch.» Als Ergänzung gibts einen stimmungsvollen Essay von Gerhard Waldherr über eine Reise ins öde geografische Herzland der USA. Und als Kommentar könnte man auch den Titel des Buches auffassen: «Drug Free Land». Er ist von einer Fotografie übernommen, einem Schriftzug am Zaun eines kalifornischen Colleges. «Er enthält drei Themen», erklärt Thomas Kern, «zwei davon sind typisch für die USA: Land und Free.»

28.4.2010

By Doug Rickard

Off into the wind, and the great-wide-open-never-ever-end beckons... so off you go and it gusts into your ear and it whispers, "have no fear". Up a path you trot... you are pulled backwards as the dust lights your way and you follow the pull of the dust like a shining beacon into the rear view mirror of your head. And the blazing sun burns on your cheeks and your smile shines... and you turn and look around at the glorious sound. The colors bounce off the wires in a sizzling symphony... oh, yes, and the earth hears it and sings right along. Hmmmmm, hmmmmmm, hmmmmm... bzzzzz, bzzzzz, bzzzzz...

 

And you float on up into a faded blue sky like a leaf that is connected to a branch that is connected to the arm of a towering giant who holds you high, high above his head. Look at those houses way down below on the rubber tire map but then whoooosh, down we go as the sky cracks! We shooooosh down on the color and the sound... and we land, oh so grand! Pop, pop, pop and we skip and then we hop... we go, down another path baby and another and another... off we go into the vast landscape of the connected-flow.

 

The Great Unreal beckons.

 

'Cause them UFO's are a callin', them trailer parks and them empty malls... the sun splots and the red dots and the bluebird flies and electric-metal-highs. Them drive ins and them NUCLEAR bomb cadillac fins! Blast my face with stale beer and mace - get me movin' cause I gotta keep on groove-in! Shotgun shells and them "Gawd Damn Hells!" and antlers and trucks and freight trains and ducks and shootin' range traps and "Holy F-K's" and claps!

 

Now lay back and sleep, into the motel we creep... into the bed and get some zzzzzzz's into my head... sleep some sheeps right into my caves, dream of canyons and "the glowing light" and voices singin' "JESUS SAVES". 

 

And dream of that empty road off into the open forever... there ain't no end now ain't there? 

 

Now we're up in the sky on a BIG MAC high, smell them' trees and look at them American Mountains - Grand-Stand-American-Band-Coca-Cola TALL! We are rushin' down on an upside-down-frown, past the DINOSAUR town, past that WHITE POWER sound! past the JUMBO MORTGAGE clown! through the DRIVE-THROUGH-DRUG hug! 

 

Follow me out there baby into "THE GREAT UNREAL".

 

In the book, "The Great Unreal", Tajyo Onorato & Nico Krebs have taken American Landscape and all of its vast array of interlinked details and massive wide open spaces and trompe l'oeil'ed them into a spider web of connected submission. They have turned the landscape inside out and let you see what-it-is-that-couldn't-be. They have constructed a network of elements that lead you gently and forcefully down a path that leads to somewhere and nowhere, to everywhere and anywhere.

 

This tale is like your dream... not every dream but the special dreams... the ones with all of those vast details that are exquisite and clear while you are in it but then you wake up and as you try to imagine the details and convey them to your lover, they all slip away just a bit out of reach. You know that the places are there, that you were there... vast and complex, you were in there with them and you could see the vastness and "the connections"... but then, as you try to look into your minds eye and navigate the pc in your head, the storyline gets all jumbled up and the connecting fabric is much too complicated to remember. 

 

And how the hell are you supposed to put into words something that a hundred thousand words couldn't possibly describe anyway? You can try to spit out some pitiful impotent words but you can't do squat compared to what you saw and so, you just leave it then with your feeling, and your knowing... your feeling of "the vast plot" and world somewhere out there... deep inside your head. Pick this one up. It is one that you will go back to again and again, sort of like Dorothy, clickin' your heels three times and then turnin' the pages to let yourself be swept up into a strange and delicate analogue tornado and dropped beautifully and oh-so-musically into "The Great Unreal"

 

It's one of "the ones" (I will slowly start to build out a list of "the ones")... not too many of those around anyway.

 

www.tonk.ch

11.4.2010

So muss ein Buch aussehen, dann klappts auch mit dem Nachbarn. Ein leicht abgewandelter Satz aus der Spülmittelwerbung und auch schon eine Weile her. Noch länger her ist die Sache mit dem Punk. Es gibt Präpunks (Iggy Pop & The Stooges), Punks (Johnny Rotten), vermeintliche Punks (Offspring, Green Day) und Postpunks (alle Musiker mit Ehrgefühl).
Aber gehts nur um Musik?
In diesen Tagen, wo der Mann, der Punk ganz sicher nicht erfunden, aber geprägt hat, gestorben ist, darf man ihn vielleicht ein letztes Mal zitieren. Über Rock ’n’ Roll und dessen Weiterführung als Punk sagte also Malcolm McLaren (1946–2010): «Es geht nicht um Bands, um Songs oder um Gitarren. Sondern um den Versuch, unsterblich zu sein.» Der Fotoband «Fish of Hope» der Basler Fotografin Nicole Zachmann führt fünfzig dieser Versuche vor – ganzseitig, doppelseitig, die meisten schwarz-weiss, viele inszeniert, die meisten spontan. Und jede Figur in einer eigenen Pose. Wie kriegten diese Basler das hin? Warum waren die so cool?
Erklärungsversuch eines Nichtpunks: Wer bei Punk dabei war, musste durch eine Art von Schule, die das Gegenteil der Schule war. Punks waren prinzipiell unbeliebt, mussten also so oder so unten durch. Jeder Einkauf in der Migros war ein Auftritt. Schiefe Blicke abprallen
lassen. Geradeaus gehen. Und der weiche Kern erhielt eine harte Schale – nicht eine aufgezwungene wie im Büro oder im Militär, sondern eine eigene.
Das Buch von Zachmann steht in einer dreissigjährigen Tradition: Im Juni 1980 erschien ein Buch namens «Saus und Braus», das im Jahre der Zürcher Bewegung auf den riesigen, dadaistischen Spass zeigte, den Punk eben auch auslöste: Eine Kultur, zu der auch Ausrasten gehört, macht frei. Oder jedenfalls: freier.
Wenn «Saus und Braus» die Zürcher Saat war, dann ist «Fish of Hope» die Basler Ernte. Die Autorin Suzanne Zahnd hat den Spagat jener Zeit mittels kurzen Interviews erklärt und verortet. Und Nicole Zachmann hat von 1984 bis 1989 in den richtigen Momenten abgedrückt – in der verwirrenden Zeit nach Punk, wo das richtige Leben drohte und man den aufrechten Gang aufrechterhalten wollte.
Das Buch zeigt: Er gelang.

7.1.2010

Das machen jetzt viele: banale Szenen am Rande ganz banal fotografieren, um sie später in banalen Büchern aneinanderzureihen. PierLuigi Macor macht es anders: Er fotografiert banale Szenen mit dem Eifer desjenigen, der begriffen hat, dass sich hinter jedem Moment des Lebens ein großes Rätsel verbirgt. "Zukunft" heißt sein großartiges Buch einer Reise, die auch durch Amerika, aber vor allem durch die Seelenwelt des Fotografen führt. Die Wandschmierereien auf einer Toilette werden ihm ebenso zu verschlüsselten Botschaften wie frische Spuren im Schnee. Die verschlossenen Gesichter von Passanten gleichen Masken. Straßen führen ins vermeintliche Nichts. Und Türen versperren den Weg. Das Buch entstand aus einer fünfzehnbändigen Heftreihe. Nun wünscht man sich eine Buchreihe hinterher.