Travelogue / Atrocity & Grace (Vol. 5/6)

Interview mit dem Schriftsteller Will Self:

Ich schreibe auf einer 1959-Groma-Kolibri-Schreibmaschine. Ich musste nach Berlin gehen, um ein Farbband für sie zu bekommen.

Wirklich?
Mit dem Zug.

Sie fliegen nicht?
Ich habe mit dem Fliegen aufgehört.

Warum? 
Weil es falsch ist.

Moralisch?
Ästhetisch. Es ist hässlich. Die Gebäude sind hässlich, die Flughäfen sind hässlich, das Fliegen ist ein hässliches Erlebnis.

Wie definieren Sie hässlich?
Nicht schön.

Drehen sich Ihre Spaziergänge um Schönheit?
Ja, natürlich. Ich möchte nur von schönen Dingen umgeben sein. Ich bin ein Ästhet. Ich glaube, die Globalisierung ist eine Chimäre, sie ist falsch, sie passiert nicht. Ich glaube, das Streben nach Globalisierung ist zerstörerisch …

 

Interview mit dem Psychoanalytiker Christopher Bollas:

Würden Sie sagen, dass sich das kollektive Unterbewusste je nach Zeit und Kultur verändert?
Unbedingt. Ich interessiere mich sehr für soziales Träumen, für kulturelles Träumen. Jede Gesellschaft träumt und der Traum ist die sogenannte Kultur. Film ist eine Form zu träumen und wenn man sich zum Beispiel eine Reihe von Filmen aus den 1960er Jahren anguckt, gab es da all die Katastrophenfilme. Kenternde und sinkende Schiffe, hoch aufragende Infernos. Vor 9/11 gab es diese Brände schon zu einer Zeit, als Amerika in Vietnam seinem Verhängnis entgegen ging. Das war das absolute Ende der amerikanischen Unschuld. 

Grundsätzlich, wo ist der Punkt, der eine Generation prägt?
Nun, ich bin ein Kontextualist. Jedes Jahrzehnt, oder sogar alle zwei oder fünf Jahre gibt es einen anderen kulturellen Kontext. Die dinge werden ständig neu definiert. Das hat viel mit Erinnerung zu tun. 

Objekte definieren das Individuelle neu?
Die Gesellschaft definiert sich selbst neu. Sie erfindet sich immer wieder neu. 

 

Interview mit der Nobelpreisträgerin Francoise Barré-Sinoussi, am Institut Pasteur in Paris.

Wann haben Sie zum ersten mal von Aids gehört?
Das war 1982. Die ersten Fälle kamen aus den Vereinigten Staaten im Juni 1981. Ich arbeitete gerade an Retroviren und die Beziehung zwischen Retroviren, Krebs und Leukämie. 1982 fanden die Krankenhausärzte ähnliche Fälle wie die, die aus den USA bekannt geworden waren. Sie kamen zu uns und sagten, dass wir uns dieser neuen Krankheit stellen müssten. Niemand wusste, was ihre Ursache war. Man hatte schon alle möglichen Viren vermutet. Und sie fragten, was wir von der möglichen Rolle der Retroviren hielten. 

Gab es viele Gerüchte?
Nicht, dass ich wüsste. Man hatte verschieden Virusfamilien in Verdacht. Viren, die den Menschen angreifen, und Viren, die die Lymphozyten angreifen. Aber ob es Retroviren sein könnten, war noch nicht erforscht. 

 

Interview mit dem Filmregisseur Jean-Jacques Beineix:

Kam Diva zu der Zeit raus, als es anfing, um Business zu gehen?
Es war der Beginn von Massenproduktion und Spielen. Die Niederlage einer Art von Kino, die für alle gemacht war, die in kleinen und großen Kinos gezeigt wurden. 

Die Ära der Produzenten.
Ja. Die Ära der Produzenten. Zunächst waren die Produzenten ganz nette Kerle, aber die gibt es heute nicht mehr. Der Produzent ist das Schlimmste und er ist das Beste, er hat einen Fuß in beiden Türen. Er kämpft gegen das System, aber gleichzeitig ist er der größte Erfolg des Systems. Heute ist es eine Börse, die Leuten gehört, die den schnellstmöglichsten Kapitalertrag mit den billigsten Produkten wollen. Steven Spielberg sagte mal, dass gute Filme industrielle Unfälle sind. Ich mag diese Zeiten nicht besonders, ich fühle mich immer fremder. 

EUR 22,00
105
1. Auflage 2010
Gebunden, 192 Seiten,
17.5 × 24.8 cm
ISBN: 978-3-905929-05-8